»Komm, sag es allen weiter« – Theologische Aspekte kirchlich-diakonischer Öffentlichkeitsarbeit
Trotz
seiner sperrigen Überschrift führte das fünfte Forum
Öffentlichkeitsarbeit am 28. November 2008 in lebendige und anregende
Diskussionen. Auf der Suche nach Begründungsmustern bearbeiteten die
Teilnehmenden exemplarische theologische Texte: Lexikaartikel,
Aufsätze, Monografien. (Eine Literaturliste ist am Ende dieses
Berichtes angefügt.)
Quellenstudium während des fünften Forums Öffentlichkeitsarbeit
Lexika verweisen auf die Vielschichtigkeit des Begriffs »Öffentlichkeit«. Durch die Geschichte hindurch erweitern sich die entsprechenden Synonyme und Gegenbegriffe. Bis zur Aufklärung steht »öffentlich« vor allem für einen Sachverhalt, der allgemein bekannt und einsichtig ist, also nicht privat oder gar geheim. Mit der Aufklärung tritt dazu die Bedeutung »staatlich«, also nicht persönlich oder individuell. Schließlich wird »öffentlich« zu einem Kriterium des Vernünftigen: Die Meinungsbildung einer Gesellschaft muss eine öffentliche sein, um der Vernunft Geltung zu verschaffen. Im 20. Jahrhundert verändert sich der Begriff unter zwei Aspekten: Die Medien als Produzenten von Öffentlichkeit entfalten in einer kapitalistisch geprägten Gesellschaft eine eigene Dynamik und führen mittelbar dazu, dass eher von Teilöffentlichkeiten zu reden sein wird.
Öffentlichkeitsauftrag und Öffentlichkeitsanspruch
In diesem Umfeld ist die Rede vom Öffentlichkeitsauftrag oder Öffentlichkeitsanspruch doppelt problematisch: Der Anspruch der Kirche, im Gegenüber zur Öffentlichkeit deutlich und erkennbar zu werden, ist zwar innerkirchlich unumstritten und findet biblischen Anhalt. Außerkirchlich aber wird dieses Denkmuster nicht notwendig nachvollzogen, sondern erscheint eher wie die selbstbezügliche Begründung des Eigeninteresses einer Organisation. Zudem wird in Formulierungen wie dem »Wächteramt der Kirche« ein Ort außerhalb der Gesellschaft vorausgesetzt, ein Gegenüber zur Welt, von dem aus die Kirche warnende Kritik übt. Kirche als Teil der Gesellschaft, Kirche in dieser Welt, Kirche im Kapitalismus - eine solche Selbstwahrnehmung würde ein Wächteramt erschweren.Nur in der Theologischen Realenzyklopädie wird der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit ein eigener Artikel gewidmet. Tremel erläutert dort, wie die Kirche außertheologisches Wissen importiert hat und warum es bislang zu keiner hinreichenden theologischen Theoriebildung gekommen ist: Eben weil die Öffentlichkeitsarbeit in ihrer praktischen Gestalt ein Import ist und nach eigenen Regeln funktioniert, ist sie der Theologie eher fremd geblieben. Allein im Zusammenhang mit Zeugnis und Verkündigung scheint sie nutz- und bedenkbar.
Erhalt der Organisation oder Kommunikation des Evangeliums
In ähnlicher Weise argumentiert der publizistische Gesamtplan der Evangelischen Kirche in Deutschland, der 1979 unter dem Titel »Mandat und Markt« veröffentlicht wurde. Der »Öffentlichkeitsanspruch« der Kirche, der seit 1920 formuliert wird und Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für die Anliegen der Kirche fordert, mündet nach 1945 im selbstbegründeten »Öffentlichkeitsauftrag«. Dieser wird als Lebensäußerung des Protestantismus begriffen und in zwei unterschiedlichen Handlungsweisen konkret: Als unabhängige journalistische Publizistik und als weisungsgebundene Öffentlichkeitsarbeit. Beides entspringt dem Interesse der Kirche, die als soziale Organisation verstanden wird und deren Bestandserhaltung alle Anstrengungen rechtfertigt. Weitergehende theologische Reflektionen scheinen für die Verfasser nicht nötig.Anders akzentuiert Reinhard Schmidt-Rost 2004 den Zusammenhang von Organisation der Kirche und dem sie tragenden Inhalt. Kirchliche Publizistik dient, ebenso wie die Kirche selbst, der Kommunikation des Evangeliums. Von dieser Aufgabe her rückt die Organisation in den Hintergrund, ihre Darstellung oder gar Rettung ist nicht erste Aufgabe der Publizistik. Stattdessen betont Schmidt-Rost die Hoffnung, dass auch die weltlichen Medien durch das Evangelium verwandelt werden, so dass Kirche als ein Kommunikationsprozess erlebt werden kann. Auch wenn Schmidt-Rost die Kompetenz der Theologie betont, bleibt das theologische Fundament kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit eher unbestimmt.

Rede und Gegenrede prägten das fünfte Forum Öffentlichkeitsarbeit
Die Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland »Das rechte Wort zur rechten Zeit« (2008) knüpft an den Öffentlichkeitsauftrag der Kirche an und bestimmt ihn im Horizont kirchlicher Verkündigung. Mit der Differenzierung zwischen dem Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums und dem Öffentlichkeitsauftrag der Kirche wird in der Denkschrift die Begrifflichkeit geschärft, um dann den kirchlichen Äußerungsformen im einzelnen nachzugehen. Kirchliche Öffentlichkeitsarbeit wird dennoch nur am Rande gestreift, eher instrumental gefasst und nicht weiter begründet.
»Inkarnation« als möglicher Begründungsansatz
Die Diskussion während des Forums Öffentlichkeitsarbeit konzentrierte sich auf zwei Aspekte: Als soziale Organisation, die der Kommunikation des Evangeliums dienen will, erzeugt die Kirche in jedem Fall eine Wirkung, einen Eindruck. Diese kommunikationswissenschaftliche Einsicht wird ergänzt durch das zentrale Prüfkriterium des Protestantismus, das nur das Geltung habe, »was Christum treibet«. Damit deutete sich eine Begründungsstruktur kirchlich-diakonischer Öffentlichkeitsarbeit an, die sich auf die sechste These der Theologischen Erklärung von Barmen bezieht: »Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.«Eine solche Begründung würde an den eigenen Kommunikationswillen Gottes anknüpfen: Gott selber wird Mensch, trägt seine Liebe in diese Welt ein. Die Inkarnation, wie sie im Beginn des Johannesevangeliums festgehalten ist, könnte sich als tragfähige Basis für kirchlich-diakonische Öffentlichkeitsarbeit erweisen.
Ein eigener Studientag wird September 2009 im Rahmen einer Werkstatt Öffentlichkeitsarbeit diesen Gedanken weitertragen und entwickeln. Einzelheiten zu der Werkstatt stehen im Frühling 2009 unter www.werkstatt-oeffentlichkeitsarbeit.de bereit.
Literatur zum fünften Forum Öffentlichkeitsarbeit
• Eberhard Blanke, Christliche Kommunikationskampagnen, Deutsches Pfarrerblatt 7/2008, 335 - 339• EKD Impulspapier »Kirche der Freiheit« und Rückmeldungen, Hannover 2006
• EKD Denkschrift »Das rechte Wort zur rechten Zeit«, Hannover 2008
• EKD, Publizistisches Gesamtkonzept »Mandat und Markt«, Hannover 1997 und Ergänzung »Mandat im Markt« (2008)
• Christian Grethlein, Kommunikation des Evangeliums in der Mediengesellschaft, Leipzig 2003
• Martin Honecker: Art. Öffentlichkeit; Theologische Realenzyklopädie Bd. 25 [1995], 18 - 26
• Wolfgang Huber: Kirche und Öffentlichkeit, München 1973 (2. Auflage Gütersloh 1991)
• Reiner Preul: Art. Öffentlichkeit; Religion in Geschichte und Gegegenwart, 4. Auflage [2003], Bd. 6, 489 - 491
• Hans Richard Reuter: Art. Öffentlichkeit;sauftrag der Evangelischen Kirche; Religion in Geschichte und Gegegenwart, 4. Auflage [2003], Bd. 6, 491 - 493
• Reinhard Schmidt-Rost, Norbert Dennerlein (Hrsg.): Kontrapunkt. Das Evangelium in der Medienwelt; Hannover 2004
• Holger Tremel: Art. Öffentlichkeitsarbeit; Theologische Realenzyklopädie Bd. 25 [1995], 26 - 29
(Text und Bilder: Hilmar Gattwinkel)