Mehr als ein Tag:
Der Kirchentag und seine Kommunikation
Auf dem zweiten Forum Öffentlichkeitsarbeit am 23. Februar 2007 in Köln erläuterte Rüdiger Runge, Pressesprecher des Deutschen Evangelischen Kirchentages, die Ziele, die sich der DEKT seit der Jahrtausenwende selber gesetzt hat.
„Der Kirchentag will eine Großveranstaltung sein, und das bedeutet: mehr als 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.“ Die Größe sei zum einen die Voraussetzung, um von der Öffentlichkeit wirksam wahrgenommen zu werden. Zum anderen benötige der Kirchentag aus ökonomischen Gründen eine große Zahl von zahlenden Teilnehmenden. Heute sein am Kirchentag von außen vor allem drei Aspekte wahrnehmbar: Der gesellschaftliche Diskurs, das geistliche Ereignis und der „Spass-Event".
Polarität von Ereignis und Kontinuum
Alle zwei Jahre ergehe eine „Einladung an jede und jeden“, also an Kircheninsider und an die unbekannten Fernstehenden. Erleichtert werde diese Einladung durch das Corporate Design des DEKT, das seit dem Kirchentag 1999 in Stuttgart feststehe und damit einen wichtig Beitrag zur Erkennbarkeit leiste. In der Polarität von „Ereignis und Kontinuum“ stehe dieses CD für das Kontinuierliche des Kirchentages.
Dennoch sei jeder einzelne Kirchentag ein besonderes Ereignis, eine jeweils einzigartige Veranstaltung. Erschwert werde die Erkennbarkeit der Marke Kirchentag deshalb durch die wechselnden Losungen und die damit verbundenen Bildmarken. Das Signet für den Kirchentag in Köln stehe beispielsweise in erheblicher Spannung zum grundlegenden CD. Dies werde auf allen Werbemitteln deutlich, von der Postkarte über die Flyer bis zum Karnevals-Wagen, mit dem der DEKT sich in den Rosenmontagszug in Köln eingereiht hatte.
Mitwirkung wirkt auch auf die Kommunikation nach außen
Zusätzlich entwickle die Anwendung des Signets auf den weiteren, durch die Mitwirkenden selbst zu verantwortenden dezentralen Werbemittel eine nahezu unüberschaubare grafische Vielfalt. Runge erläuterte, welche Folgen das Anwachsen der aktiven Mitwirkung hat: War in den Anfängen des DEKT die Trennung von Veranstaltern und Besuchern klar, nehmen seit den achtziger Jahren immer mehr Menschen als Mitwirkende am Kirchentag teil, besonders sichtbar auf dem Markt der Möglichkeiten. Die gewünschte Partizipation führe zu ungewollten Schwierigkeiten in der Finanzierung und der Kommunikation des DEKT nach außen.
Noch grundsätzlicher wirkten, so Runge, die strukturellen Probleme, die sich aus der Zusammenarbeit des DEKT und einer Landeskirche ergeben. „Der DEKT ist eine freie Einrichtung von evangelischen Laien, die sich unabhängig von der Amtskirche bewegt und keinerlei Weisungen unterliegt.“ Alle zwei Jahre folge der DEKT der Einladung einer Landeskirche, ist auf deren Gebiet zu Gast. Diese Unterscheidung von evangelischer Laienbewegung mit Vereinsstatus und verfasster Landeskirche sei kaum vermittelbar, so Runge. Weder die säkularen Medien noch die innerkirchliche Öffentlichkeit nähmen diese Differenz wahr. Sie sei aber mit Blick auf inhaltliche Profilierung des DEKT von großer Bedeutung.
„Eigentlich geht es gar nicht."
Jens-Peter Iven, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland, antwortete auf die Frage, wie diese beiden unterschiedlichen Institutionen miteinander kommunizieren könnten, mit einem klaren rheinischen „eigentlich gar nicht.“ Dieses entschiedene Votum schränkte der Theologe und Journalist im Folgenden ein: Eine so große und so lebendige Landeskirche wie die Rheinische sei für den Kirchentag eine gute Partner, „wenn auch keine einfacher.“ So müsse immer wieder aufwändig geklärt werden, wer für welche Inhalte und Veranstaltungen die Verantwortung trüge und dementsprechend auch die Kommunikation steuere.
Dazu kämen die Schwierigkeiten einer Kirche in der Diaspora: Die starke katholische Prägung Kölns mache den Evangelischen Kirchentag so reizvoll wie mühsam. Immerhin sei den Protestanten in Köln erst seit 200 Jahren die öffentliche Predigt erlaubt. Es gebe Widersprüchliches in der Begegnung zwischen Protestanten und Katholiken: Vieles, vor allem an der Basis, sei eingespielt und bewährter ökumenischer Alltag. Andererseits sorge der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, immer wieder für Irritationen.
„Kirchentag in Köln, nicht Kölner Kirchentag"
Weitere Mühen entstünden in der internen Kommunikation: Durch die räumliche Ausdehnung der Landeskirche werde der Kirchentag innerkirchlich als Kölner Veranstaltung wahrgenommen und nicht als Chance für alle rheinischen Gemeinden. Hier sei mit dem neu erfundenen Kirchentagssonntag am 21. Januar ein wichtiges Zeichen gesetzt. Iven erläuterte auch, wie sich die einzelnen Kirchenkreise der Evangelischen Kirche im Rheinland auf den Kirchentag in Köln vorbereiten sollten: So gebe es beispielsweise Materialhefte für Veranstaltungen und Gottesdienste, mit denen das Bewusstsein für den kommenden Kirchentag gestärkt werde. Auch biete die Landeskirche gestaltete Seiten für die Gemeindebriefe auf ihrer Website an.
Mit Blick auf den rheinischen Präses Nikolaus Schneider erteilte Iven dem Versuch, den Kirchentag in Köln über dessen Person zu kommunizieren, eine klare Absage. Für die Öffentlichkeit werde das Ereignis als solches in der Mitte stehen und die ökumenisch akzentuierte Frage, wie hier Evangelische in einem katholischen Umfeld ihren Glauben feierten, so Iven.
Kirchentag wird das wesentliche Ereignis in Köln
Matthias Pesch, Lokalredakteur des „Kölner Stadt-Anzeigers“ und dort zuständig für Kirchenfragen, nahm in seinem Beitrag diesen Aspekt auf und skizzierte des Kirchentag in Köln als ein regionales Thema, dem die Redaktion grundsätzlich positiv gegenüberstehe. Von der Menge der beteiligten Menschen her werde der Kirchentag sicherlich das wesentliche Kölner Ereignis im Jahr 2007.
Zugleich schränkte Pesch die Euphorie etwas ein: Der Mangel an echter Prominenz und an ausländischen Gästen relativiere die Bedeutung dann doch. Der Vergleich zum Weltjugendtag, den Pesch mehrfach zog, machte diese Unterschiede deutlich: Der Papst, zumal frisch gewählt, und die Vertreter des weltweiten Katholizismus seien ein absolut einmaliges Ereignis von weltweiter Bedeutung, während der Kirchentag eher kleinere Kreise ziehen werde.
Thematisch vor Liturgisch
Den Schwerpunkt für die säkulare Berichterstattung legte Pesch auf die gesellschaftlichen und politischen Themen, die auf dem Kirchentag verhandelt werden. Auch der parallel stattfindende G-8-Gipfel verschaffe dem Kirchentag Aufmerksamkeit. Dagegen sei das Geistlich-Liturgische für die Journalistinnen und Journalisten weniger interessant, ebenso wie die innerkirchlichen Debatten, etwa über das Papier „Kirche der Freiheit“.
Pesch zeigt abschließend die Schwierigkeiten auf, die säkulare Medien mit diesem Ereignis hätten: Sei in der katholischen Kirche durch die hierarchische Struktur klar, wer wann etwas zu sagen habe, so stünden dem Interessierten mit Kirchentag und Landeskirche zwei in sich komplizierte Institutionen gegenüber. Deren jeweilige Zuständigkeiten und jeweilige Kommunikationsstrukturen seien für Außenstehende kaum abgrenzbar.
(Text und Bilder: Hilmar Gattwinkel)